Final Fantasy VII Remake macht es allen recht, aber ohne Kompromisse

Cloud und Aerith haben nie so gut ausgesehen. Die Grafik des Spiels lässt alte Erinnerungen Wirklichkeit werden. (Screenshot © Square Enix)
Cloud und Aerith haben nie so gut ausgesehen. Die Grafik des Spiels lässt alte Erinnerungen Wirklichkeit werden. (Screenshot © Square Enix)

Der „Citizen Kane“ der japanischen Rollenspiele auf der Ur-PlayStation ist zurück als Hochglanz-Remake. Dabei zeigt das Spiel auch, das ein richtig gutes Remake das Original gleichzeitig respektiert und trotzdem hinter sich lässt.

Anno 1997 erblickte Final Fantasy VII (FF7) auf der PlayStation 1 das Licht der Welt und war damals eine technische wie erzählerische Offenbarung: Detaillierte vorgerenderte Hintergrundgrafiken kombiniert mit 3D-Figuren und dazu für die damaligen Verhältnisse bombastische Videosequenzen präsentierten eine episch-mysteriöse Geschichte, über die man sich noch bis heute vorzüglich streiten kann. Wie für viele Teens meiner Generation war das Spiel die Einstiegsdroge in eine der wohl bekanntesten Videospielreihen der Welt, der ich bis heute treu geblieben bin.

Protagonist und Söldner Cloud wird von seiner Jugendfreundin Tifa zur Hilfe gerufen, um einen Bombenanschlag auf den Reaktor des umweltzerstörenden Shinra-Konzerns zu unterstützen. (Screenshot © Square Enix)

Nun ist es 2020 und Final Fantasy VII Remake (FF7R) ist für die PlayStation 4 erschienen. Mitten in der globalen Pandemie habe ich mir das Spiel im PSN Store spontan zum Release gekauft – in der Hoffnung, mich mit einer gehörigen Dosis Nostalgie von diesem Planeten im Ausnahmezustand ablenken zu können: Was passt besser, als die Geschichte einer Truppe von Kämpfern, die den Planeten retten wollen?

Die 23 Jahre seit dem Original und die Wartezeit von 5 Jahren seit Ankündigung von Remake haben sich gelohnt, das zeigen schon die ersten Spielminuten. In feinstem HD und wundervoll animiert sieht alles so aus, wie damals in meinem Kopf. Technisch gibt es bis auf seltene, minimalste Bugs absolut nichts zu meckern, die Präsentation ist schlicht bombastisch. Die Cyberpunk-Metropole Midgar erwacht zum Leben wie noch nie, die dramatische Story wird in Szene gesetzt wie ein Film. Alles fühlt sich quasi wie meine Erinnerungen an damals an – genau, was ich wollte.

Ikonische Schauplätze wie die verfallene Kirche in den Slums wurden detailverliebt wiedererschaffen. (Screenshots © Square Enix)

Spielerisch hat sich dabei sogar einiges erheblich verändert, insbesondere im Kampfsystem. War FF7 noch ein klassisches rundenbasiertes Rollenspiel, so ist das Kampfsystem von FF7R actionreich in Echtzeit inszeniert – dabei ist die volle Kontrolle über die Helden aber jederzeit mit einem Druck auf die X-Taste garantiert: Alles friert in Superzeitlupe fast ein (schöner Effekt!) und komplexere Befehle können in Ruhe gegeben werden. Stress kommt zwar auf, aber nur so viel, wie ich möchte. Square-Enix hat in FF7R endlich das geschafft, was Sie seit Final Fantasy XII versuchen und in Final Fantasy XV, das tragischerweise von vermeidbaren Schwächen geplagt war, nur fast hinbekommen haben: Eine Balance zwischen der strategischen Tiefe eines JRPG und dem Bombast eines Action-RPGs zu finden. Nach kurzer Eingewöhnung ging das neue System gut von der Hand. Wurde ich besiegt, war ich immer selber schuld, nicht etwa eine hakelige Steuerung oder unklare Systeme; das ist immer ein gutes Zeichen. Manche Fans des Klassikers, oder vielmehr Fans von klassischen rundenbasierten RPGs, mögen sich daran dennoch stoßen, aber das ist OK – denn FF7R ist nicht FF7 und will es auch gar nicht sein.

Das neue Kampfsystem ist actionreich und entwickelt gleichzeitig erstaunliche Tiefe. (Screenshot © Square Enix)

Hier kommen wir nämlich zur zweiten großen Leistung neben der handwerklichen Perfektion: Dem gelungenen Balanceakt zwischen der Verbindung zum und Abgrenzung vom Original von 1997. Von Anfang an war klar, dass FF7R da in wirklich große Stiefel steigt, und die Entwickler haben einen geschickten Weg gefunden, mit diesem Problem umzugehen.

So wurde die Story an vielerlei Stellen sinnvoll erweitert, sowie Szenen und Nebencharaktere deutlich ausgebaut. Dies war auch nötig, da FF7R nur ein knappes Drittel oder Viertel der FF7 Geschichte abdeckt (ein Sequel wurde bereits angekündigt), aber dennoch eine vollwertige Spiellaufzeit hat (bei mir im ersten Durchgang ca. 40 Stunden). Dabei fühlen sich die neuen Segmente (fast) nie wie Polsterung an, sondern fügen sich harmonisch und oft auch überraschend ins Gesamtwerk ein. Die eigentlich zu diesem Zeitpunkt noch simpel gestrickte Geschichte um Öko-Terroristen und einen bösen Mega-Konzern erhält so gleich viel mehr Tiefgang. Außerdem wurde die Geschichte recht geschickt so angelegt, dass Neueinsteiger ihre Freude daran haben werden, gleichzeitig auch Kenner des Originals reichlich zu entdecken haben.

Jessie, im Original von 1997 kaum mehr als eine Hintergrundfigur, wird in FF7R erheblich ausgebaut und wuchs mir schnell ans Herz. (Screenshot © Square Enix)

Der zweite Kniff der Autoren besteht dann auch darin, wie mit dem Status als Remake eines einflussreichen Originals auch als Teil der Geschichte umgegangen wird. Darüber kann man nicht wirklich ohne Details reden, der nächste Absatz ist daher als Spoiler markiert:

Spoiler

Die Story thematisiert von Anfang an, das die Helden diese Geschichte vielleicht nicht zum ersten Mal erleben. Protagonist Cloud wird von Visionen geplagt, die für Playstation-Veteranen sofort als Szenen des Originalspiels zu erkennen sind, die aber erst später im Plot auftauchen müssten. Gleichzeitig greifen immer wieder mysteriöse Geisterwesen in das Geschehen ein – zunächst ohne erkennbaren Grund, aber was hier genau passiert wird erst sehr spät wirklich klar: Das Schicksal, manifestiert in diesen Wesen, will die Helden der Geschichte auf dem altbekannten Weg der Geschichte des Originalspiels halten. Können Sie sich dagegen auflehnen? Wollen Sie das überhaupt? Kann der wohl berühmteste Tod einer Videospielfigur vielleicht diesmal verhindert werden? Was scheinen Sephiroth und Aerith darüber zu wissen?

Durch den Einzug dieser spannenden Meta-Ebene sorgt FF7R gleichermaßen für eine klare Zäsur zum Original und zieht außerdem den Alteingesessenen wie mir den Boden unter den Füßen weg: Was passiert wohl als nächstes in dieser eigentlich 23 Jahre alten Geschichte? Der Ansatz ist nicht völlig neu (ich denke z.B. an das Remake von Battlestar Galactica in 2004, oder in Teilen auch neuere Inkarnationen der Terminator-Reihe), hat mich aber hier angenehm überrascht. Erwartet hatte ich eine sklavische Verfolgung des übermächtigen Originals mit vorsichtigen Erweiterungen, stattdessen wurde dessen Existenz zum sinnvollen Plotpunkt und FF7-Puristen quasi zu Gegnern, die besiegt werden wollen. Irgendwie auch eine mutige Ansage der Entwickler.

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Ohne Spoiler sei gesagt: Die Story weicht stark genug vom Original ab, um auch für Kenner noch spannend zu sein. Auch ohne diese neuen Wendungen wäre das Spiel ein Fest für Nostalgiker, aber mit dem neuen Material erhebt es sich nochmal darüber. Dabei tragen die neuen Aspekte klar die Handschrift von Kingdom Hearts Mastermind Tetsuya Nomura, der für FF7R nach dem (vorläufigen) Abschluss jener Reihe auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Es bleibt dabei nur zu hoffen, dass die Geschichte nicht gar so sehr überbordert wie in seinem endlosen Disney-Crossover-Epos, wobei an dieser Stelle die zumindest lose zu respektierenden Rahmenbedingungen des Originals von 1997 durchaus hilfreich sein könnten. Wann wir das Sequel bekommen steht noch in den Sternen, vermutlich aber erst in der nächsten Konsolengeneration, da die PlayStation 5 ja bereits in den Startlöchern steht. Zur Not funktioniert FF7R überraschenderweise aber tatsächlich auch als in sich abgeschlossene Geschichte, trotz des offenen Endes.

Bösewicht und Frisuren-Ikone der Popkultur: Sephiroth bekommt in FF7R auch einen deutlich größeren Auftritt, als er ihn zu diesem Zeitpunkt der Geschichte im Original gehabt hätte. (Screenshot © Square Enix)

Bleibt noch die Frage: Für wen ist das Spiel überhaupt? Den größten Mehrwert haben sicherlich Menschen wie ich, die das Original in- und auswendig kennen. Aber auch Neulinge erwartet eine technisch wie spielerisch fast perfekt umgesetzte, wilde Reise durch eine faszinierende, noch immer einzigartige Welt. Es ist nicht das Final Fantasy VII, von dem eure Freunde dauernd reden, es ist aber auch nicht besser oder schlechter, es ist einfach ein super Spiel.

Mir hat die Rückkehr nach Midgar wirklich Spaß gemacht und ich hoffe, es dauert bis zum nächsten Teil nicht wieder 5 oder gar 23 Jahre. Vielleicht ist es bis dahin an der Zeit, mal wieder das Original auszupacken? Das ist nämlich auch immer noch einen Besuch wert.

Final Fantasy VII Remake ist am 10. April 2020 exklusiv für die PlayStation 4 erschienen. Preis ca. 60€. Eine Demo ist im PSN-Store verfügbar.
Das Original, Final Fantasy VII von 1997, wurde auf zahlreiche Plattformen portiert und ist in den einschlägigen Spieleportalen und Appstores günstig erhältlich.

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