Westworld: HBOs nächster großer Wurf?

Die Landschaftsaufnahmen und Kostüme beeindrucken. (Quelle: © HBO)
Die Landschaftsaufnahmen und Kostüme beeindrucken. (Quelle: © HBO)

Die erste Folge von HBOs neuer Science-Fiction Serie hat einiges zu bieten, schlägt sich aber auch mit altbekannten Problemen des Senders herum. Kai Hilpisch wirft einen Blick auf dieses blutige Disneyland.

Kleine Spoiler für die erste Folge von Westworld voraus, größere Spoiler sind nochmal extra abgetrennt

Wilder Westen statt Westeros

Der Pay-TV Sender HBO hat sich mit der neuen Serie Westworld (basierend auf dem gleichnamigen Film von Michael Crichton aus dem Jahr 1973) einiges vorgenommen: Da sich der Kassenschlager Game of Thrones langsam dem Ende zuneigt wird jetzt, in der Sendepause vor der nächsten Staffel des epischen Fantasy-Dramas, schon mal der Nachfolger positioniert. Mit ähnlich hoher Produktionsqualität und hohem Staraufgebot (allen voran Anthony Hopkins, dicht gefolgt von Evan Rachel Wood, James Marsden und Ed Harris) versucht man erneut Maßstäbe in einem Genre zu setzen. Soviel vorweg: Eindruck hinterlassen hat die erste Folge bei mir auf jeden Fall.

Grundsätzlich wie im Original mit Yul Brynner von 1973 spielt sich die Handlung in einem Freizeitpark ab, der mit Hilfe von lebensechten Androiden ein Wildwest-Szenario für zahlungskräftige Kundschaft zur Verfügung stellt – und das schon seit Jahrzehnten. Mastermind der Attraktion ist Dr. Robert Ford (Hopkins), der seine Kreationen stets weiter verbessert hat, bis hin zur völligen Perfektion – sogar Träumen können seine Androiden. Der Laden läuft, ein riesiges Team kümmert sich um die Wartung der „Hosts“ (Gastgeber – die Androiden), und darum, durch immer neue und miteinander verbundene Geschichten den „Newcomern“ (den zahlenden Gästen) ihr perfektes Abenteuer zu ermöglichen. Doch seit dem letzten Update haben sich Probleme in die perfekte Simulation der Androiden eingeschlichen und ein Team um Programmierer Bernard Lowe (Jeffrey Wright) sucht fieberhaft nach einer Lösung – die zahlende Kundschaft erwartet schließlich Perfektion und keine epileptisch vor sich hin zuckenden, brabbelnden Schaufensterpuppen.

Interessante Konzepte

Das Team aus SerienentwicklerInnen und AutorInnen Lisa Joy und Jonathan Nolan (Produzenten sind außerdem J. J. Abrams, Bryan Burk und Jerry Weintraub) geht in der HBO Serie konzeptuell deutlich über die Filmvorlage hinaus – wobei es in Sequels und einer kurzlebigen Serie auch schon vorher Versuche gab, das Thema zu erweitern. Zeichnet sich das Ur-Westworld vor allem als actionreicher, blutiger, aber letztlich einfach gestrickter Horror-Thriller aus, so etabliert die Serie von Anfang an einen deutlich nachdenklicheren und auch geheimnisvolleren Tonfall.

Der Film aus dem Jahr 1973 mit Yul Brynner dient als Vorbild für die neue Serie. (Quelle: © Fox-MGM)
Der Film aus dem Jahr 1973 mit Yul Brynner dient als Vorbild für die neue Serie. (Quelle: © Fox-MGM)

In der ersten Folge wird vor allem die Einführung in diese Welt zelebriert: Nicht als einfache Voiceover-Erklärung oder Rundfahrt durch die Kulissien, sondern aus der Perspektive der Androidin Dolores Abernathy (Wood), die nackt und mit Schürfwunden übersäht in einem sterilen Raum sitzt. Eine Stimme stellt ihr Fragen aus dem Off: Ob sie die Realität um sich herum je in Frage gestellt hätte, wie sie die Welt empfindet. Dolores antwortet der Stimme – und uns als Zuschauern. Sie wacht morgens mit nichts anderem in ihren Gedanken auf, als dem Wunsch, die Schönheit dieser Welt um sie herum auf die Leinwand bannen zu wollen.  Kurz darauf lernen wir Teddy Flood (Marsden) kennen – frisch aus dem Zug ausgestiegen fällt er Dolores in die Arme, sie kennen sich wohl von früher. Wir verfolgen ihren Tagesablauf für eine Weile, beobachten die anderen Bewohner von Westworld, genießen die Landschaft. Schreckliche Dinge passieren, dann ist der Tag vorbei.

Als Dolores am nächsten morgen genauso erwacht, wie am Tag zuvor, wird klar: Ihr Leben ist nur eine Illusion, eine Schleife. Geschehnisse vom Vortag wiederholen sich, aber nicht komplett gleich: Uns fallen jetzt offensichtlich Fremde auf, die sich lautstark am Realismus der Androiden erfreuen; andere überlegen, ob der angeheuerte Führer vielleicht doch eher als Zielübung taugt, falls er zu langweilig wird; die Saloon-Dame spricht mit ein paar Kunden ohne mit der Wimper zu zucken Japanisch und der Sheriff sucht sich heute einen anderen „Helden“ heraus, um auf Banditenjagd zu gehen. Dolores beginnt ihren Tag auch wie gewohnt – ihre Wunden vom letzten Abend sind genauso verschwunden wie die Erinnerung daran.

Die neue HBO-Serie läuft hierzulande zeitnah auf SKY. (Quelle: © HBO)
Die neue HBO-Serie läuft hierzulande zeitnah auf SKY. (Quelle: © HBO)

Parallel dazu erfahren wir mehr darüber, was hinter den Kulissen vor sich geht: Die elaborate Simulation läuft seit über 30 Jahren, ein Team aus Technikern ist rund um die Uhr damit beschäftigt, alles am Laufen zu halten. Dr. Ford – verehrt von seinen jungen Kollegen – scheint im Alter etwas wunderlich geworden zu sein und trinkt auch schon mal in einer Abstellkammer voller ausrangierter Androiden mit einer alten Kreation einen Whiskey, aber das sieht man dem Genie nach. Außerdem lernen wir noch Figuren wie den Chef-Autor der Westworld-Geschichten kennen, der sich über die Unberechenbarkeit der Newcomer aufregt, die seine sorgsam geplanten Plots über den Haufen werfen, oder auch eine Frau, die sich angesichts seltsamer Programmfehler um die Sicherheit der Kunden sorgt.

Das Ganze spielt in einem riesigen Komplex, der sowohl Hochglanz-Labore als auch riesige, verlassene Hallen 83 Stockwerke unter der Erde beherbergt. Erklärt wird uns nur das nötigste: Die Androiden können keine Newcomer verletzen (Asimov lässt grüßen), Gespräche die nicht in ihr Lebensbild passten, werden überhört, alle lieben die Newcomer und stellen nichts in Frage, was diese tun. Die Hosts sind also Spielzeuge, mehr nicht. Die Parallelen zu NPCs in Videospielen sind deutlich und machen eine Identifikation mit den Besuchern von Westworld für manchen auch einfacher: Wer hat nicht schon mal aus Spaß in Spielen wie GTA massenweise unschuldige Passanten niedergemäht oder sonstigen „Schabernack“ getrieben? Auch die heutzutage in vielen Spielen möglichen „moralischen Auswahlmöglichkeiten“ werden thematisiert; so bekommen wir den Dialogfetzen eines Newcomers mit, der sich wehmütig an seinen letzten Besuch erinnert, bei dem er sich als „full evil“ (komplett böser) Charakter durch Westworld metzelte – „die besten zwei Wochen meines Lebens“ schwärmt er.

Subtiler Horror bis rote Suppe

Das ist alles erstmal faszinierend anzusehen – und ist auch atemberaubend schön umgesetzt; sowohl in Landschaftsaufnahmen als auch in klaustrophobisch-spiegelnden Laboren und bis ins letzte Detail der Kostüme. Es driftet aber bald sehr effektiv ins Uncanny Valley ab: Schauspielerisch beeindruckend (auch wenn stellenweise mit etwas CGI und Schnitt nachgeholfen wurde) sind die Momente, in denen die Fassade fällt und die Maschine sichtbar wird. Dazu benötigt Westworld im Gegensatz zum Original-Film keine bluttriefenden Roboterköpfe – unnatürliche Bewegungen, epileptisch anmutende Zuckungen und sich (einzeln) verdrehende Augäpfel lassen reichlich Schauer über den Rücken laufen. Es deutet sich überdeutlich an, das hier etwas im Argen liegt.

Der Wilde Westen als Freizeitattraktion. (Quelle: © HBO)
Der Wilde Westen als Freizeitattraktion. (Quelle: © HBO)

Blut gibt es natürlich auch reichlich. Newcomer, die sich bewusst für ein Leben als Bösewichte entscheiden, erfreuen sich schließlich an den realistischen Zuckungen niedergeschossener Androiden. Schließlich ist hier alles erlaubt – und auch alles möglich. Bereits in der ersten Episode zeigen sich menschliche Abgründe, die mit und ohne Blut unter die Haut gehen. In der ersten Folge sind es vor allem die Menschen, die grausam sind, und die wirren, prophetischen Äußerungen eines defekten Androiden lassen erahnen, dass dies nicht ungesühnt bleiben wird.

Der HBO-Faktor

Westworld ist teuer, und das merkt man auch. Von der hochkarätigen Besetzung über das intelligente, ausgefeilte Drehbuch bis hin zur atemberaubenden Optik ist hier alles perfekt und macht Lust auf mehr. Typisch für den Pay-TV Sender gibt es viel nackte (bleiche, Androiden-) Haut und reichlich Schimpfwörter – bei zwei Figuren sogar in völlig lächerlicher Frequenz. Leider hat man es aber bei HBO wohl für notwendig befunden, auch die Game of Thrones Zuschauer abzuholen, die (nur) auf Schockeffekte stehen und startet die Folge gleich mit einer (größtenteils Off-Screen stattfindenden) Darstellung sexueller Gewalt. Das dies im Rahmen eines genialen Twists geschieht und mit dem Brecheisen die moralische Problematik von Westworld in den Zuschauer prügelt, tröstet da nur ein wenig.

Teddy Flood erleben jeden Tag auf Neue. (Quelle: © HBO)
Dolores Abernathy und Teddy Flood erleben jeden Tag aufs Neue. (Quelle: © HBO)

Dennoch, bei der Serie von Potenzial zu reden, wäre untertrieben. Selten wurde sich so intelligent mit SciFi-Themen wie künstlicher Intelligenz und der (Im-)Moralität beim Umgang mit künstlichem Leben beschäftigt, wie es bereits die erste Folge tut – und das, ohne dem Zuschauer alles vorzukauen. Auf die Dauer einer ganzen Staffel gestreckt kann hier noch viel passieren. Es bleibt nur zu hoffen, dass man die eher „zerebrale“ Komponente der Serie nicht mit zu vielen Sex- und Gewaltorgien auszugleichen versucht und die vielen angebrochenen Themen auch zuende gedacht werden: Es wäre schade, wenn das alles nur Blendwerk bleibt. Bis hierhin hat mich Westworld jedenfalls auf eine regelrechte Gefühlsachterbahn geschickt: Faszination, Grusel und Abscheu liegen hier nur eine Wendung voneinander entfernt.

Weitere Beobachtungen

Gezielte Schläge in die Magengegend

Spoiler

Als sich am Ende des ersten Tages der vermeintliche Held der Folge, Teddy, als Teil der Attraktion entpuppt, habe ich zunächst mental den Autoren für den genialen Twist applaudiert. Als sich die Szene dann aber in eine Demonstration der kompletten Morallosigkeit des mysteriösen „Man in Black“ (Harris) und der Machtlosigkeit der beiden Androiden Teddy und Dolores wandelte, wurde mir doch reichlich unwohl. Dolores wird vom Mann in Schwarz in die nahe Scheune gezerrt und ich fühlte mich in dem Moment an die kontroverse Szene mit Sansa Stark in Game of Thrones erinnert, bei der ebenfalls sexuelle Gewalt als Schockeffekt genutzt wurde. In Westworld lief es zwar nicht ganz so grafisch ab, doch der Effekt ist letztlich der gleiche. Ja, es wurde damit schockierend und völlig uneindeutig etabliert, dass die Hosts für viele Newcomer lediglich Spielzeug sind, das man auch verletzen, missbrauchen und töten kann, aber ob das als Legitimation für die hunderttausendste Wiederholung des frauenfeindlichen Tropes „Vergewaltigung als charakterbildendes Trauma“ ausreicht kann man mindestens diskutieren.

Subtil geschrieben ist dann auch die Beiläufigkeit, mit der ein Techniker am Ende erwähnt, das Dolores schon so viel repariert worden sei, dass sie quasi komplett aus neuen Teilen besteht – obwohl sie eigentlich der älteste Host in Westworld ist. Puzzelt man dann noch die etwas früher erwähnte Tatsache der bereits jahrzehntelangen Laufzeit der „Attraktion“ und die eben genannten Ereignisse zusammen, ergibt sich für den Zuschauer urplötzlich das Panorama einer unvorstellbaren Leidensgeschichte.

Damit erklärt sich dann auch der Totalausfall von Dolores‘ Vater Peter (Louis Herthum), der sich dieser Unmenschlichkeit des Systems bewusst wird und in einem beeindruckenden Wechselbad aus Charakteren und Gefühlen seinen Erschaffer Dr. Ford anklagt. Anthony Hopkins Figur zeigt sich hier als sehr undurchsichtig – fast amüsiert scheint er den Ausführungen seiner Kreation zu folgen: Hat er so etwas vielleicht erwartet? Sind seine Beschwichtigungen und Erklärungen zur fadenscheinig?

Westwärts weiter?

Das Ende der Folge setzt nur scheinbar wieder alles auf Anfang: Dolores hat einen nagelneuen Vater und nimmt das gleichgültig hin, erschlägt aber dann beiläufig eine Fliege – eigentlich dank Programmierung unmöglich. Überhaupt, die Fliegen überall: Nur Wildwest-Kulisse oder steckt da Symbolismus bezüglich der moralischen Verdorbenheit von Westworld und/oder der langsam zusammenbrechenden Karkasse des Systems dahinter?

Kennt man die Filmvorlage auch nur im Ansatz ist klar, wo die Reise hin geht: Blutiger Roboter-Aufstand. Die erste Folge deutet das auch schon an, nicht zuletzt durch den völlig bizarren Auftritt des Milch-besessenen Banditen-Bots samt Massaker. Generell gefällt mir das Hin und Her zwischen subtilem Grusel und Gewaltausbruch, unterbrochen von leisen Tönen. Ich hoffe, dass die Serie die Balance halten kann und nicht zu blutig oder zu abgedreht wird. Etwas besorgt bin ich der Auslegung auf mehrere Staffeln wegen – in sich geschlossen kann das alles bestimmt super funktionieren, aber ob da auf Dauer genug dran ist? Wir werden sehen.

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Westworld wird in Deutschland parallel zur US-Ausstrahlung im Originalton von Sky angeboten; eine deutsche Fassung ist für das Frühjahr 2017 geplant – ebenfalls bei Sky.

 

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