The Jungle Book – Wiedersehen macht Freude

junglebook_plakatUnnötiges Produkt der „Gritty-Reboot-Fabrik“? Würdige Hommage an einen Disney-Klassiker? Vielleicht sogar einfach nur ein Film, der für sich allein stehen kann? Die Neufassung von Das Dschungelbuch ist gleichsam alles davon und dann doch wieder nicht.

Auch wenn ich selber mit meinen zarten 29 Jahren nicht zum „Originalpublikum“ des Zeichentrickklassikers von 1967 zähle: Ich bin – wie wir alle – mit der Geschichte um Mogli, das von Wölfen groß gezogene Menschenjunge, aufgewachsen. Aus zunächst unklaren Gründen im Dschungel ausgesetzt wird Mogli von Panther Bagheera gerettet und von Wölfen aufgezogen. Als er älter wird, muss er seine Wolfsfamilie aus Angst vor dem Tiger Shir Khan verlassen – er soll bei den Menschen leben. So bricht er mit Bagheera auf.

Abgesehen von den Eckpunkten der Handlung haben der Zeichentrickfilm und die jetzt veröffentlichte, CGI-lastige „Realverfilmung“ von Regisseur Jon Favreau (Iron Man) nicht viel gemein: Der Film (übrigens auch in Deutschland betitelt als The Jungle Book) erzählt die Geschichte zwar insgesamt ähnlich, aber deutlich ernster und – natürlich – düsterer. Aus meiner Sicht profitiert die Geschichte davon: Der etwas ernstere Tonfall und der (fast vollständige) Verzicht auf Gesangsnummern fokussiert die Handlung auf die moralischen Fragen, die im Zeichentrick-Original im ganzen kinderfreundlichen Tam-Tam oft untergehen. So bekommt z.B. der Tiger Schir Khan (Idris Elba / dt. Ben Becker) als Figur mehr Tiefe; hinter seinem Hass und der Jagd auf Mowgli steht die reale Furcht vor den Menschen und ihrer Zerstörungskraft. Eine frühe Szene an einem Wasserloch zeigt, das der Tiger mit dieser Sicht nicht allein steht: Die anderen Tiere beäugen das Menschenjunge mit Neugier, Furcht und offenkundiger Abneigung. Lediglich die Fürsprache des Wolfsrudels ermöglicht es Mogli, zu gewähren.

Fressen und gefressen werden – der Film zeigt zwar kaum Blut (wohl um die Altersfreigabe ab 6 Jahren nicht zu gefährden), geht aber mit den tierischen Protagonisten dennoch weitaus bedrückenderer um als die insgesamt eher „knuffige“ Zeichentrickvorlage. Die Schlange Kaa (Scarlett Johansson / dt. Jessica Schwarz) bekommt eine sehr gruselige Szene und der herrlich abgedrehte King Louie (Christopher Walken / dt. Christian Berkel) verdeutlicht in seiner hemmungslosen Gier nach dem Menschsein die Gefahr, die von unserer Zivilisation ausgeht. Die umfangreich ausgebaute Rolle der Wolfsfamilie Moglis wirkt dann auch noch emotional mitreißend: Die Szenen mit Wolfsmutter Raksha (Lupita Nyong’o, dt. Heike Makatsch) haben überraschend viel Wucht. Insgesamt aus meiner Sicht wirklich kein Kinderfilm.

Das heißt aber nicht, das es im neuen Dschungelbuch keinen Humor gibt. Der junge Hauptdarsteller Neel Sethi zeigt große Spielfreude und interagiert lebendig mit den nicht vorhandenen CGI-Partnern (bzw. mit deren Bluescreen-Handpuppen-Vertretern). Ansonsten finden sich insbesondere in den neuen Nebenfiguren zahlreiche kleine Lacher, aber auch Hauptfiguren wie der grantige Panther Bagheera (Ben Kingsley / dt. Joachim Król) und ein in dieser Inkarnation als Trickbetrüger ausgelegter Bär Balu (Bill Murray / dt. Armin Rohde) haben viele denkwürdige Momente und Dialoge, bei denen nicht nur das „Original“ zitiert wird.

In der Bezugnahme auf die Fassung von 1967 besteht vielleicht auch die einzige Schwäche des Films: Wie viele Remakes und Reboots versucht man sich am Spagat zwischen einem für sich allein stehenden Film, der aber auch den alten Fans den Bauch pinseln soll. Geschickt macht The Jungle Book dies dann, wenn einzelne Einstellungen an den Zeichentrick erinnern oder Themen der alten Filmmusik in der Hintergrundmusik auftauchen, oder auch wenn Figuren des alten Films, die für diese Fassung zu „lustig“ waren und es nicht in Sprechrollen geschafft haben, dann in anderem Kontext oder zumindest am Bildrand auftauchen. Selbst Balus legendäres Probier’s mal mit Gemütlichkeit kann ich dem gut gelaunten Faulenzer-Bären so gerade noch abkaufen und als Verbeugung vor dem Original hinnehmen. Wenn dann aber in einer sehr bedrohlich ausgelegten Szene mit einem Mafioso-esken King Louie dieser plötzlich anfängt zu singen… man sah sich wohl genötigt, auch den zweiten Kult-Song des alten Films irgendwie unterzubringen – das hätte mir als Teil der Credits vollkommen gereicht.

Sprechen wir zuletzt über die wahren Stars des Films: Die CGI-Tiere. Filme mit Tierstars waren vor Jahrzehnten populär, wurden aber seitdem durch strengere Tierschutzgesetze glücklicherweise auf ein Minimum reduziert – sie haben aber nichts von ihrer Faszination verloren, und dank CGI-Technik erleben tierische Stars seit ein paar Jahren eine Renaissance. Man erinnert sich noch gut an den Tiger aus Life of Pi, der die damalige Höhe der Animationskunst wiederspiegelte. The Jungle Book fährt nun ein komplettes Ökosystem in mindestens ebenbürtiger, wenn nicht sogar besserer, Animationsqualität auf. Dabei erstaunt insbesondere, wie scheinbar mühelos man die Tiere zum Sprechen bringt, ohne dabei ihren Realismus aufzugeben. Auch das hätte ziemlich schiefgehen können und es ist schlicht beeindruckend, wie harmonisch der visuelle Stil des Films insgesamt wirkt – das Zusammenspiel von beeindruckenden (CGI-)Landschaften, Schauspieler und CGI-Tieren ist nahezu perfekt; übrigens auch in der gelungenen 3D-Fassung.

The Jungle Book ist visuell beeindruckendes Popcorn-Kino – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der düstere Tonfall der gegenüber dem Zeichentrickfilm ausgebauten Geschichte bringt den Film vor allem einem erwachsenen Publikum näher, insgesamt ist die Geschichte aber nur Triebwerk für die Abfolge atemberaubender Szenen voller nie dagewesener Animationskunst. Schon ganz am Anfang des Films kam mir der Gedanke, dass eine „Realverfilmung“ von König der Löwen nur noch eine Frage der Zeit sein kann – und nach The Jungle Book halte ich das auch nicht mehr für eine so abwegige Idee. Im Gegensatz zu dieser ist aber ein zweiter Teil des Jungle Book wohl schon in Planung und außerdem bekommen wir 2018 noch eine weitere Adaption aus den Händen von Andy Serkis (Herr der Ringe, Planet der Affen), die wohl näher an der Buchvorlage Rudyard Kiplings angelehnt sein wird.

junglebook_hanging The Jungle Book ist definitiv, und vor allem, SEHENswert, und läuft seit dem 14. April in den deutschen Kinos.

Alle Bilder © 2016 Disney

Zurück zur Startseite

2 Gedanken zu „The Jungle Book – Wiedersehen macht Freude“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.