The Hateful Eight – Eine 70-mm Roadshow

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Bildquelle: Universum Film (https://www.universumfilm.de/filme/137079/the-hateful-8.html)

Blut, Gore und das Rattern des Projektors. Die 70-mm-Version von Tarantinos neuestem Film The Hateful Eight lädt in einigen Kinos zu einem besonders nostalgischen Kinoabend ein. Hier ein Erfahrungsbericht.

Der neue Film The Hateful Eight des gefeierten Regisseurs Quentin Tarantino sollte ursprünglich gar nicht mehr das Licht der Welt erblicken. Nachdem das Drehbuch im Internet geleakt wurde, sagte Tarantino den Film kurzerhand ab. Letzten Endes drehte er ihn doch und verband damit einige Neuheiten: So drehte er den Film mit analogen Kameras auf 70-mm-Zelluloid-Film, ein Verfahren, das schon seit den 1960er Jahren aus der Mode gekommen war. Zudem ließ er sich auch erstmals einen umfangreichen Soundtrack schreiben, statt größtenteils auf bereits vorhandene Musikstücke zurückzugreifen. Dementsprechend ist die formelle Seite des Films auch das Zugpferd des Films und der Grund, warum ich extra nach Essen gefahren bin, um mir den Film in der 70-mm-Projektion anzuschauen, die Tarantino im Vorfeld als die wahre Version seines Films angepriesen und sie deswegen auch mit einigen zusätzlichen Szenen aufgewertet hat.

Die Essener Lichtburg hat mit 1250 Sitzplätzen den größten Kinosaal Deutschlands und ist obendrein eins von nur vier deutschen Kinos, die The Hateful Eight in der 70-mm-Version zeigen. Als die Vorstellung begann, waren die Erwartungen also hoch. Der Film beginnt, zumindest in der mehrere Minuten längeren 70-mm-Version, mit einer Ouvertüre, die den Stil der großen Epen des Classical Hollywood nachahmt. Die Leinwand zeigt ein rotes Standbild mit einer kleinen schwarzen Pferdekutsche am unteren Bildrand. Zu dieser Grafik stimmt die Musik von Ennio Morricone auf den Film ein: Kälte, Spannung, Misstrauen, Suspense… Dies alles wird von dem Meisterkomponisten geliefert, bevor der eigentliche Film überhaupt beginnt.

Doch worum geht es in The Hateful Eight? Einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg finden acht Menschen während eines Schneesturms in einer einsamen Hütte Unterschlupf. Zu den titelgebenden Acht gehören unter anderem ein Kopfgeldjäger (Samuel L. Jackson), ein Henker (Kurt Russell) und seine Gefangene (Jennifer Jason Leigh). Sehr schnell stellt sich jedoch heraus, dass einer der geheimnisvollen Zimmergenossen ein falsches Spiel spielt und die Gefangene vor dem Galgen retten will… und wer Quentin Tarantino kennt, weiß, dass das Blut bedeutet.

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Bildquelle: Universum Film (https://www.universumfilm.de/filme/137079/the-hateful-8.html)

Wie man es von Tarantino kennt, ist die Handlung clever durchdacht, bietet die ein oder andere überraschende Wendung und ein oder zwei mal auch das, was manch einer als einen waschechten „What the fuck“-Moment bezeichnen würde. Hinzu gesellen sich Ausbrüche von extremer Gewalt, viel Blut und eine hohe Anzahl der bei Tarantino so beliebten N- und F-Wörter. Die erste Hälfte ist sehr stringent erzählt und bezieht seine größte Stärke von den tollen Dialogen, die jedoch nicht davon ablenken, dass sich die ein oder andere Länge in den Film einschleicht. Der Film bleibt stetig interessant, jedoch ist besonders hier fraglich, ob die Handlung eine Gesamtlaufzeit von über drei Stunden rechtfertigt. Die erste Hälfte endet mit einer vorläufigen Klimax, die einen perfekter Cliffhanger für die Intermission darstellt.

Gleich zu Beginn der zweiten Hälfte nimmt der Film deutlich an Fahrt auf: Intrigen, non-lineares Erzählen, Gewalt und Gore. Einige Kritiken bemängeln an dem Film, dass er hier sein Potenzial verschwende. Interessante Handlungsstränge würden konventionell oder zu einfach aufgelöst und Tarantino verfalle in typische Muster. Zum Teil muss ich dieser Kritik zustimmen: Tarantino greift hier einige Motive auf, die mittlerweile fast schon als Tarantino-Klischees bezeichnet werden können. Allerdings ist ein wichtiger Punkt einzuwenden: Die zweite Hälfte macht einfach Spaß! In der ersten Hälfte eingeführte Fragen werden beantwortet, Vorurteile, positive oder negative, werden wiederum in Frage gestellt und –ein minimaler Spoiler– einige Charaktere lassen auf spektakuläre Weise ihr Leben.

Tarantino vereinigt in diesem Film einen Allstar-Cast seiner vergangenen Filme: Michael Madsen und Tim Roth unter anderem aus Reservoir Dogs, Samuel L. Jackson u.a. aus Pulp Fiction und Jackie Brown, Kurt Russell aus Death Proof und Walton Goggins aus Django Unchained sind einige der bekannten Gesichter, die sich mal mehr, mal weniger dem Titel entsprechend verhasst gegenüber stehen. Hinzu kommen Stars wie Demián Bichir, Bruce Dern und Jennifer Jason Leigh, die für ihre Nebenrolle für den Oscar nominiert ist. Aufgrund ihrer teilweise recht aufgesetzt wirkenden Synchronstimme kann ich diese Nominierung weder rechtfertigen noch verurteilen. Wenn Jason Leigh jedoch eine Nominierung bekommt, hätte Samuel L. Jackson ebenso eine Nominierung verdient. Er trägt große Teile des Films und wäre in dem Ensemble-Cast am ehesten als Hauptrolle zu bezeichnen. Dass er von der Academy übergangen wurde, kann durchaus als ein weiteres Argument in der aktuellen Rassismus-Kontroverse gesehen werden.

Zu Beginn des Films ist Jacksons Charakter der vielleicht einzige Sympathieträger der Handlung. Im Laufe des Films stellt sich allerdings heraus, dass er, wie jeder andere der Charaktere, eine extrem ambivalente Figur ist. Dies steht symptomatisch für Tarantinos dreidimensionale Figurenzeichnung in The Hateful Eight, die ein Tarantino-Kritiker wie schon zuvor gesagt als Klischee bezeichnen kann: Jeder noch so sympathische Charakter hat düstere Charakterzüge, die den Zuschauer am Ende des Films in einen Gewissenskonflikt bringen. Sympathische Charaktere tun schreckliche Dinge, schreckliche Charaktere werden im Laufe des Films sympathisch. Viele dieser Ambivalenzen entstehen hier durch das Thema Rassismus, das in den Folgejahren des Bürgerkriegs und der damit verbundenen Abschaffung der Sklaverei eine große Brisanz hatte. Die rassistischen Ex-Konföderierten zeigen sich rassistisch gegenüber Samuel L. Jacksons Charakter, werden jedoch humanisiert, während die Nordstaatler durch ihre Handlungen im Laufe des Films immer mehr an Sympathie einbüßen. Thematisch könnte man The Hateful Eight somit als Nachfolger von Django Unchained sehen, der sich mit der Sklaverei vor dem Bürgerkrieg auseinandersetzte.

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Bildquelle: Universum Film (https://www.universumfilm.de/filme/137079/the-hateful-8.html)

Sowohl das Setting als auch die Thematik des Films erinnern an John Carpenters The Thing (1982), in dem Kurt Russell die Hauptrolle spielte. Der Film spielt in einer Forschungsstation in der Antarktis, die von einem Alien heimgesucht wird, welches Menschen perfekt imitieren kann. Was entsteht, ist ein Gefühl der Kälte und Isolation, verbunden mit einem Gefühl der Paranoia. Dies ist deckungsgleich in The Hateful Eight zu finden, da auch hier Menschen auf kleiner Fläche zusammen eingesperrt sind und nicht wissen, welcher von ihnen das Ding, oder in diesem Falle der Verräter, ist. Besonders interessant wird es dann, wenn Tarantino gewisse Handlungnspunkte exakt übernimmt, andere jedoch völlig ändert. Passend dazu zeigte Tarantino dem Cast vor Drehbeginn The Thing, vermutlich um sie in die Stimmung eines Paranoiafilmes einzuführen. Weitere Parallelen lassen sich zu Reservoir Dogs und in geringerem Maße zu Psycho, aber noch zu vielen weiteren Filmen finden.

Minnies Miederwarenladen, der Ort, an dem zwei Drittel des Films spielen, wird von Tarantino gekonnt inszeniert, sodass man das Gefühl hat, sich ein Theaterstück anzuschauen, da die Charaktere an einem einzigen Ort miteinander interagieren. Dadurch erwächst im Zuschauer ein Gefühl der Vertrautheit mit der Umgebung, eine Annahme, die im Verlauf der Handlung bestraft wird.

Diese Einpferchung der Handlung in einen einzigen großen Raum wirkt jedoch etwas paradox, wenn man bedenkt, dass Tarantino extra für diesen Film das totgeglaubte 70-mm-Format wiederbelebt hat. Intuitiv würde es plausibler sein, einen Western im Freien zu drehen, da besonders weite Landschaften durch das ultrabreite Bildformat der 70-mm zur Geltung kommen. Das Potenzial dieses Formats wird lediglich im ersten Drittel mit weiten Schneelandschaften ausgenutzt, bevor sich der Film in die Hütte zurückzieht. The Hateful Eight ist ein Charakter-getriebener Film, in dem weite und schwelgerische Panoramaaufnahmen vielleicht unpassend gewirkt hätten. Und doch lässt sich mein Wunsch nicht ganz unterdrücken, Tarantino hätte das 70-mm-Format effektiver genutzt.

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Bildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=6_UI1GzaWv0

Worin allerdings die Stärke der analogen 70-mm-Fassung liegt, ist die Projektion selbst: Gleich zu Beginn des Films war ein subtiles Zittern des Bildes zuerkennen, welches mich sofort darauf aufmerksam machte, dass es sich bei dieser Vorführung um etwas Besonderes handelt. Das Zittern ist das Produkt des durch den Projektor ratternden Zelluloidfilmes, welcher sich Meter für Meter von einer auf die andere Rolle wickelt und durch den Projektor in den Kinosaal gestrahlt wird. Noch vor 5-10 Jahren wäre dies keine Besonderheit gewesen. Da jedoch heute so gut wie jeder Film digital von einer Festplatte abgespielt wird, war es ein schönes und zugleich ein wenig wehmütiges Gefühl der Nostalgie. Die Stärke der 70-mm-Fassung lag somit für mich weniger in der hohen Qualität des Bildes als in dem Gefühl, eine verlorene Kunstform noch ein vielleicht letztes Mal erleben zu dürfen, bevor sie endgültig und ein für alle Mal von der digitalen Projektion abgelöst wird.

Mein erster Eindruck nach dem Film war ein verhalten positiver. Es gab viel Schönes, aber wenig Bahnbrechendes oder Innovatives. Je länger ich jedoch über den Film nachdachte und je mehr ich schließlich eineinhalb Wochen später an dieser Kritik schrieb, desto mehr wuchs mein Ansehen gegenüber dem Film. The Hateful Eight ist mit Sicherheit nicht Tarantinos bester Film, doch vielleicht ist es auch die falsche Herangehensweise, von jedem seiner Filme zu erwarten, sie könnten so innovativ sein wie Pulp Fiction. Dieses Ziel nicht erfüllt zu haben, lenkt jedoch nicht davon ab, dass Quentin Tarantinos Handschrift weiterhin einzigartig ist und dass es daher trotz kleiner Schwächen ein Erlebnis ist, einen Film wie The Hateful Eight auf der größtmöglichen Leinwand zu schauen.

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